Wie finde ich die richtige Lösung für meinen Betrieb?

Sie gründen eine neue Firma? Sie expandieren in völlig neue Geschäftsfelder, eröffnen Filialen oder erobern neue Märkte im Ausland? Dies sind meist Situationen, in denen neue Software angeschafft und eingeführt werden muss. Manchmal genügt aber auch moderates organisches Wachstum, um die bestehende Software an ihre Grenzen zu bringen. Während die erstgenannten Gründe durchaus annehmbar sein können, ist es bei normalem Wachstum sehr ärgerlich, wenn die administrativen und/oder buchhalterischen Programme gewechselt werden müssen.

Es kann auch externe Faktoren geben, die das Unternehmen zu einer neuen Software zwingen. Oft steht dies dann im Zusammenhang mit dem Hersteller der Software, der nicht mehr in der Lage ist dem technologischen Fortschritt zu folgen, aufgrund seines eigenen Wachstums den Support nicht aufrechterhalten kann oder überhaupt mangels Rendite den Betrieb einstellen muss oder im Falle von Einmannunternehmen seine Selbständigkeit aufgibt oder in Rente geht.

Der Hersteller
Eine entscheidende Weichenstellung ist also bereits die Wahl des Herstellers der Software. Welches sind die Fragen, die es sich lohnt zu stellen:

Der letzte Fragenkomplex führt bereits in Richtung der anvisierten Lösung. Es ist ganz wichtig sich vor Augen zu führen, dass Geschäftsprozesse sehr unterschiedlich gestaltet sind von Branche zu Branche und teilweise sogar innerhalb der Branche von Firma zu Firma, primär abhängig von der Grösse der Unternehmung.
Das bedeutet, dass eine für die Industrie oder den Handel geschriebene Lösung in einem Gewerbebetrieb oder bei einem Dienstleister schlicht nicht passen kann. Es macht auch keinen Sinn eine Lösung, die für Grossunternehmen entwickelt wurde in einem 15-Mann-Betrieb einzuführen.
Der erste Schritt ist also nach Lösungen zu suchen, die für die eigene Branche und für die eigene Betriebsgrösse (Micro, KMU, GU) entwickelt wurden. Was die Betriebsgrösse angeht, so ist das geplante Wachstum der nächsten 5-10 Jahre miteinzubeziehen. In vielen Branchen gibt es Verbände, die Listen mit möglichen Softwarehäusern führen, in manchen Fällen diese sogar zertifizieren. Sich bei verschiedenen Kollegen aus der Branche zu informieren, kann auch sehr hilfreich sein. Schliesslich dienen auch das Internet und Fachmessen als Fundgrube.
Die möglichen Kandidaten kann man anhand der oben erwähnten Kriterien bezüglich der Hersteller schon mal etwas ausdünnen. Bevor man sich dann aber konkret mit den einzelnen Lösungen zu beschäftigen beginnt, gilt es noch eine Hausaufgabe zu erledigen: das ungeliebte Pflichtenheft ist zu erstellen. Diese Arbeit sollte man sich nicht einsparen, denn es kommmt sonst einfach später umso mehr Arbeit zusätzlich verbunden mit Frustrationen, im schlimmsten Fall mit verlorenem Geld, hinzu.

Das Pflichtenheft
Es gibt unabhängige Berater, die sich mit der Erstellung von Pflichtenheftern beschäftigen. Falls man sehr wenig Ahnung von IT hat, kann es sinnvoll sein, eine solche externe Person beizuziehen. Das bedeutet aber nicht, dass man dann alles delegieren kann und sich nicht selber voll dafür
engagieren muss, denn sonst resultiert nur ein teurer Papiermoloch, der mit dem eigenen Unternehmen wenig zu tun hat.
Es ist nämlich ganz wichtig, sich selber erst einmal Gedanken zu machen, was denn eigentlich die wichtigen Geschäftsprozesse sind und wie diese abgewickelt werden.

Gerade dort, wo ich meine Stärken habe, kann es sein, dass diese von einer Lösung nicht unterstützt werden, weil sie eben besonders sind und damit einem Softwarehersteller nicht bekannt. Aber die eigenen Stärken müssen unterstützt werden von der neuen Lösung, sonst verliere ich am Markt den Vorteil.
Es macht also keinen Sinn, das hinterletzte Detail oder gar einen Datenbankbeschrieb in ein Pflichtenheft aufzunehmen, jedenfalls nicht im Normalfall. Individuieren Sie die wichtigen Prozesse in Ihrem Unternehmen und beschreiben Sie diese sehr detailliert. Achten Sie darauf, dass die neue Lösung Sie in diesen Prozessen gut unterstützt.

Die Lösung
Sie haben ein Pflichtenheft und wissen deshalb, welche Geschäftsvorfälle für Sie von entscheidender Wichtigkeit sind. Lassen Sie sich diese Abläufe zeigen. Organisieren Sie einen Workshop mit den drei bis fünf Herstellern, die Ihnen aufgrund der Kriterien zum Hersteller am besten passen. Laden Sie sie ein, nehmen Sie sich Zeit. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn die falsche Lösung gewählt zu haben, wird Sie in der Zukunft viel mehr Zeit, Geld und Nerven kosten als eine gute Abklärung.
Nehmen Sie ins Team, das am Workshop von ihrer Firma aus mitmacht, diejenigen Mitarbeiter auf, die anschliessend diese Geschäftsfälle auch mit der Software durchführen müssen. Das hat zwei Vorteile:

Lassen Sie am Workshop aktuelle Geschäftsfälle abwickeln, am besten solche, die Sie soeben auf dem bestehenden System verarbeitet haben. Lassen Sie sich die Geschäftsfälle von Anfang bis Ende zeigen, inklusive den notwendigen Resultaten: Listen, Dokumente, Rapporte, usw. Vergleichen Sie die Resultate mit denjenigen aus der aktuellen Praxis.

Vergessen Sie nicht, dass Sie und Ihre Mitarbeiter anschliessend täglich mit der neuen Lösung arbeiten werden. Das sollte mehr eine Freude sein als ein Müssen. Achten Sie darum auch auf die Oberfläche, die Benutzerführung:

Die Kosten
Zu denjenigen zwei bis drei Lösungen, die Ihnen im Workshop am besten gefallen haben, lassen Sie sich Offerten unterbreiten. Die Offerten sollten klar gegliedert sein und folgende Bereiche umfassen:

Spezialentwicklungen
Falls dies notwendig sein sollte, dann ist es meist ein beträchtlicher Kostenpunkt. Das ist aber nicht das schlimmste, wenn dafür der Nutzen klar ist. Entscheidend ist, dass diese Anpassungen im Standard integriert werden. Denn wenn diese Zusätze nur lokal für Sie geschrieben und eingepasst wurden, dann werden Sie über die gesamte Lebenszeit der Lösung Schwierigkeiten haben. Nämlich immer dann, wenn ein Update gefahren werden muss oder Sie ein Supportproblem haben.

Die Chemie
Was soll nun die Chemie in der Informatik? Zum Schluss sollten Sie sich mit denjenigen Personen zusammensetzen und sie kennenlernen, die bei Ihnen im Hause die Lösung einführen werden, also mindestens den Projektleiter, der die Abklärungen und die dazugehörende Parametrisierung vollzieht. Wenn Sie vor Beginn schon Kommunikationsprobleme spüren, dann wird es sehr schwierig in einer heiklen Situation eine gute Lösung zu finden. Sie werden dabei auch feststellen können, ob sich Ihr Partner in ihrer Branche auskennt und weiss wovon er spricht.

Die Umsetzung
Lassen Sie sich einen Terminplan für die Umsetzung anfertigen. Vergessen Sie nicht, dass Ihr Team stark beansprucht wird von den Abklärungen und der Ausbildung. Informieren Sie Ihre Mitarbeiter frühzeitig, stellen Sie die entsprechenden Ressourcen frei und motivieren Sie, indem Sie die Vorteile der neuen Lösung beschreiben. Wenn Sie intern unter Druck sind, die Akzeptanz der Mitarbeiter fehlt oder nicht genügend Zeit für das Projekt zur Verfügung steht, dann wird auch der beste Projektleiter Mühe bekunden, das Projekt zum Gelingen zu bringen.

© 18.11.2009 Reto B. Camenzind

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